Warum geschlechterreflektierte Neonazismusprävention?

Rechte Gruppen sprechen Jugendliche nicht geschlechtsneutral an, sie werden vielmehr explizit als Jungen und als Mädchen von ihnen angesprochen. Der moderne Neonazismus verspricht Lösungen für Probleme und Anforderungen, mit denen sich junge Männer und Frauen im Zuge des Heranwachsens konfrontiert sehen und macht spezifische Angebote für Jungen und Mädchen. Damit bieten neonazistische Lebenswelten klare Antworten auf teilweise diffuse und widersprüchliche gesellschaftliche Anforderungen an Jungen und Mädchen im Hinblick auf die geschlechtliche Sozialisation und können dadurch Attraktivität für Jugendliche entfalten.

Geschlechterreflektierte Ansätze in der pädagogischen Arbeit gegen Neonazismus sind vergleichsweise jung in der Bundesrepublik. Sie unterstützen Jugendliche bei der Entwicklung vielfältiger Geschlechterbilder und eigener Individualität jenseits von starren Geschlechterzuschreibungen. Sie beinhalten einen kritisch-bewussten Umgang mit geschlechtsbezogenen Haltungen und Werten - nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch bei den pädagogischen Fachkräften selbst. geschlechterreflektierte Arbeit kann somit nicht nur ein gewinnbringender Ansatz in der Arbeit mit rechts-orientierten Jugendlichen sein, sondern v.a. auch in der Arbeit mit nicht-rechten Jugendlichen.

Denn: Wenn vielfältige Lebensweisen - nicht nur in Bezug auf Geschlecht - für Jugendliche "normal" sind, kann dies ein wichtiger Beitrag zu einer Prävention von Neonazismus und zugleich ganz allgemein eine wichtige Voraussetzung für ein demokratisches Miteinander im Alltag sein. Zentrale These des Projekts ist, dass eine Entlastung von Geschlechteranforderungen durch geschlechterreflektierte pädagogische Ansätze bei Jugendlichen der Prävention neonazistischer Einstellungen und Handlungsmuster förderlich ist.

Studien weisen u.a. auf folgende Zusammenhänge hin:

  • Die Bedeutung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen spielt in der Neonazismusprävention bisher eine untergeordnete Rolle.
  • Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind zentrale Attraktivitätsmomente in neonazistischen Szenen und begünstigen damit Hinwendungsprozesse von Jugendlichen, gerade in einer frühen Phase neonazistisch lebensweltlicher Orientierungen.
  • Vergeschlechtlichte Unterschiede spielen bei den Einstellungsmerkmalen nur eine geringfügige Rolle. Handlungsweisen, Motivlagen, Strategien, Organisationsgrade und die Politisierung von Lebensbereichen hingegen weisen deutliche geschlechtsbezogene Unterschiede auf.
  • Neonazistische Angebote unterscheiden sich für männliche und weibliche Jugendliche. Sie knüpfen an traditionell-konservative und/oder gesellschaftlich radikalisierte Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder an.
  • Das Spezifikum des männlichen Neonazismus ist die Konkurrenz (Verteidigung des "Eigenen"), das Spezifikum des weiblichen Neonazismus der Konventionalismus (Politisierung des Alltags).
  • Für männliche Jugendliche ist die Herstellung von Souveränität wichtigste Anforderung wie auch größtes Versprechen von Männlichkeit. Für weibliche Jugendliche scheint das Versprechen von Schutz, aber auch eine eigenständige Rolle als Frau und Mutter eine wichtige Rolle zu spielen.
  • Das programmatische Versprechen von Schutz stellt sich innerhalb neonazistischer Strukturen als Illusion heraus. Weibliche Jugendliche sind dort oft unverhohlenem Sexismus und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Ebenso sind die Versprechungen von Kameradschaft, Rebellentum und dergleichen mehr als brüchig. Ein erfülltes Leben findet sich auch für junge Männer in neonazistischen Kontexten selten.
  • In der Neonazismusprävention werden geschlechterreflektierte Ansätze selten verfolgt; von den wenigen Projekten finden sich auch noch einige, die sich unkritisch auf männliche und weibliche "Identitätskerne" beziehen, womit eine zentrale Säule neonazistischer Attraktivität eher reproduziert wird, als dass alternative Geschlechtervorstellungen angeboten werden.
  • Auf dem Feld der Neonazismusprävention geschlechterreflektierend tätig zu werden und pädagogisch tätige Fachkräfte zu sensibilisieren, ist aktuellen Studien zufolge erfolgversprechend und im besten Sinne präventiv.

Mit einer geschlechterreflektierten Arbeit wollen wir die Präventionsarbeit gegen Neonazismus effektiver machen. geschlechterreflektierte Ansätze stellen hierbei keine umfassende Präventionsstrategie, sondern vielmehr eine sinnvolle Ergänzung bereits bestehender Ansätze dar.

Folgende Problemlagen können sich jedoch bei einer Neonazismusprävention abzeichnen, wenn diese nicht geschlechterreflektierend ausgerichtet ist:

  • Mädchen in neonazistischen Szenen geraten aus dem Blick, obwohl sie dort wichtige Funktionen übernehmen (Vernetzung, Kommunikation, Organisation, Logistik, Finanzierung, Tarnung, Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit, neonazistische Erziehung von Kindern, hetzen, anfeuern und Schmiere stehen, Fluchthilfe,...).
  • Geschlechtsbezogene Attraktivitätsmomente (Versprechungen und reale Angebote) neonazistischer Kreise werden nicht wahrgenommen, obwohl sie zentral sind, um zu verstehen, warum sich Mädchen und Jungen zu solchen Szenen hinwenden.
  • Ein zu starker Fokus auf Gewalthandeln und zu wenig auf Einstellungen einerseits und alltäglichen Mikroprozessen der Ausgrenzung andererseits.
  • Neonazistische Ideologien können ohne Geschlechterperspektive nicht umfassend analysiert und kritisiert werden - Sexismus, Heterosexismus und Trans*feindlichkeit sind elementarer Bestandteil neonazistischen Denkens und Handelns.
  • Traditionelle Geschlechterbilder können in der Prävention verstärkt werden ("Harte Männer arbeiten hart mit harten Jungs"), was im Ergebnis eher zu einer Identifizierung mit statt einer Distanzierung von neonazistischen Männer- und Frauenbildern führt und die Katze sich in den Schwanz beißt.
  • Die Potenziale einer kritischen Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Weiblichkeit (eine frühzeitige kritische Auseinandersetzung mit und die individuelle Stärkung gegenüber gesellschaftlichen Männlichkeits- und Weiblichkeitsanforderungen) werden in der Neonazismusprävention nicht ausgeschöpft.

Es ist von daher ein zentrales Ziel aufzuzeigen, dass ein konsequenter Einbezug der Dimension Geschlecht in die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen eine Notwendigkeit für den Erfolg von Präventionsarbeit gegen Neonazismus darstellt.

 

Zuletzt aktualisiert am 02.05.2017