Männlichkeitskonstruktionen, Jungenarbeit und Neonazismus-Prävention

Andreas Hechler
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INHALTSVERZEICHNIS
1.  Schnittstellen: Neonazismus und Männlichkeit
1.1 Neonazismus
1.2 Neonazismus und Männlichkeit
1.2.1 Thematisierung von Männlichkeit bei Neonazis
1.2.2 Relevante Aspekte für neonazistische Männlichkeitskonstruktionen
1.2.3 Plurale neonazistische Männlichkeiten
1.2.4 Was macht Neonazismus und seine Männlichkeitskonstruktionen attraktiv?
1.2.5 Nachteilige Folgen der Hinwendung zu neonazistischen Szenen
2. Elemente der Neonazismus-Prävention
2.1 Allgemeine Elemente der Neonazismus-Prävention
2.2 Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen als Neonazismus-Prävention
2.3 Methoden und Materialien
2.4 Ausdrucksweisen, Organisierungsgrad und Ideologiedichte neonazistischer Orientierung
Literatur
Fußnoten

Die Ausgangsthese dieses Artikels lautet, dass eine männlichkeits- und identitätskritische Jungenarbeit im Kern neonazismus-präventiv wirkt und eine wichtige Ergänzung zu bereits bestehenden Präventionskonzepten ist. Es folgt der Annahme, dass die Annäherung an neonazistische Szenen von Jungen und jungen Männern gerade in einer Frühphase oft weniger aufgrund von ideologisch gefestigten Positionen erfolgt als vielmehr, weil hier der gesellschaftlichen Aufforderung, ein „echter Junge“/„richtiger Mann“ sein zu sollen und zu werden, eindeutig gefolgt werden kann.

Im Folgenden geht es darum, Geschlecht und Männlichkeit als zentrale Kategorien in der Neonazismus-Prävention mitzudenken und um eine Erweiterung um geschlechterreflektierte Ansätze – Felder, die bisher wenig miteinander zu tun hatten. Als Grundlage für eine geschlechterreflektierte Präventionsarbeit gegen Neonazismus, die sich vor allem an Jungen, männliche Jugendliche und Männer richtet, werden die Schnittstellen zwischen Männlichkeit und Neonazismus analysiert. Wann und wie wird Männlichkeit bei Neonazis thematisiert, welche Aspekte sind für neonazistische Männlichkeitskonstruktionen relevant, welche unterschiedlichen Männlichkeitskonstruktionen gibt es innerhalb des Neonazismus und wie ist deren Binnenverhältnis zueinander? Anhand der Frage, was Neonazis eigentlich attraktiv macht und welche nachteiligen Folgen eine Hinwendung zu entsprechenden Szenen mit sich bringt, werden Eckpunkte einer geschlechterreflektierten Arbeit mit Jungen als Neonazismus-Prävention benannt. Dem vorangestellt werden einige aus unserer Sicht besonders relevante Prämissen, wie sie aus der allgemeinen pädagogischen Neonazismus-Prävention bereits bekannt sind.

Neonazismus und Rechtsextremismus

Es gibt verschiedene Begriffe, die in politischen, pädagogischen wie wissenschaftlichen Fachdiskussionen verwendet werden. Dazu gehören u.a. „Neofaschismus“, „Neonazismus“, „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, „Rechtsradikalismus“ und „Rechtsextremismus“. Am gebräuchlichsten ist der Begriff „Rechtsextremismus“, der allerdings inhaltlich zu kritisieren ist.

Das Unterfangen, die Einstellungsmerkmale, die dem Neonazismus zugerechnet werden, an sogenannte „extremistische“ Ränder zu verschieben („Rechtsextremismus“), ist weder empirisch noch wissenschaftstheoretisch haltbar und zudem politisch interessengeleitet. Die Extremismusformel, popularisiert durch den Verfassungsschutz in den 1970er-Jahren in Westdeutschland, basiert nicht nur auf einer falschen Analyse des Zusammenbruchs der Weimarer Republik und des Erstarken des Nationalsozialismus („Die Extreme von links und rechts haben die bürgerliche Mitte ausgehöhlt“ und nicht etwa konservative Eliten und das deutsche Kleinbürger_innentum), sondern schwächt effektiv den Kampf gegen Neonazismus. Es ist ein grundlegender Unterschied, ob sich auf Gleichheit oder Ungleichheit berufen wird, auf Freiheit für alle oder nur für eine exklusive Gruppe, ob eine Gesellschaft erweitert oder kleiner gemacht werden soll, ob die Demokratie oder der Kapitalismus beseitigt werden soll. Das schlägt sich nicht zuletzt in Opferzahlen nieder: Mindestens 182 Menschen wurden von Neonazis seit 1990 in der Bundesrepublik ermordet und nicht ein einziger von Linksradikalen. Es ist zudem eine Definitions- bzw. Machtfrage, was als „Mitte“ und was als „Rand“ definiert wird und ob lediglich auf die Form abgehoben wird oder auf eine inhaltliche Analyse.

Heutige Neonazis beziehen sich größtenteils positiv auf bestimmte Strömungen des Nationalsozialismus, wenn auch teilweise in modernisierter Variante, weswegen im vorliegenden Text der Neonazismus-Begriff verwendet wird. Die Einstellungsmerkmale des Neonazismus treffen im Wesentlichen auch auf rechtspopulistische Strömungen und die Neue Rechte zu, die als „neonazistisch“  bezeichnet werden müssen, auch wenn Teile dieser Strömungen formale Abgrenzungen zum Nationalsozialismus vornehmen und an einer Erneuerung und Modernisierung der Theorien arbeiten.

Ohne an dieser Stelle genauer auf die einzelnen Einstellungsmerkmale des Neonazismus eingehen zu können, sollen sie für den vorliegenden Text folgendermaßen bestimmt werden: Völkischer Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Sexismus, Heterosexismus, Transfeindlichkeit1, Pronazismus und autoritäre Ordnungsvorstellungen. Wenn eine Mehrheit dieser Einstellungsmerkmale zutrifft, wird von einem gefestigten neonazistischen Weltbild gesprochen. Bundesweit ist dies laut Studien bei 8-20% der Deutschen der Fall (vgl. Decker/Brähler/Friedrich-Ebert-Stiftung u.a. 2010/2008/2006, Heitmeyer 2002-2012, Mut gegen rechte Gewalt 2011, Zeit online 2011, INEX, Butterwege 2011, Schuster 2011).

1. Schnittstellen: Neonazismus und Männlichkeit


Bevor auf die geschlechterreflektierten Aspekte einer Neonazismus-Prävention in der Arbeit mit Jungen sinnvoll eingegangen werden kann, ist es notwendig, sich zu vergegenwärtigen, was unter Neonazismus zu verstehen ist und wie sich die Zusammenhänge zwischen Männlichkeit und Neonazismus darstellen.

1.1 Neonazismus


Ungeachtet der Frage, welcher Begriff verwendet wird (siehe Neonazismus und Rechtsextremismus), muss immer wieder deutlich gemacht werden, dass Neonazismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Von daher ist es fragwürdig, Begriffe wie „Extremismus“, „Rand“, „Mitte“ o.ä. zu verwenden. Es ist die „Mitte“ der bürgerlichen Gesellschaft selbst, die die Elemente des Neonazismus und damit die Bedrohung für die Demokratie mithervorbringt.2,3

Die Besonderheit des Neonazismus im Vergleich dazu ist eine Bündelung und qualitative Verschärfung jener Einstellungsmerkmale des gesellschaftlichen Mainstreams bei gleichzeitiger Radikalisierung auf der Handlungsebene. So gesehen stehen neonazistische Männlichkeitskonstruktionen in engem Zusammenhang mit der Herausbildung bürgerlicher (d.h. weißer, deutscher, heterosexueller, nicht-behinderter Mittel- und Oberschichts-)Männlichkeiten, werden aber expliziter und radikaler formuliert und in eine neonazistische Deutung der Welt eingebunden. Insbesondere die Legitimierung und Ausübung staatlich nicht legitimierter Gewalt, die Imagination von Herrenmenschentum und eines elitären Kampfbundes, der antidemokratische Ziele verfolgt, unterscheiden neonazistische Männlichkeitskonstruktionen von bürgerlichen, auch wenn die Überschneidungen zumeist fließend sind. Zu den Gemeinsamkeiten zählen dagegen fast alle Anforderungen an Männlichkeit (Souveränität, Konkurrenz- und Überlegenheitsorientierung etc.) und ganz grundlegend der Konsens einer zweigeschlechtlichen Differenz, die biologisch fundiert ist.

In allen Begriffen zur Beschreibung von Neonazismus findet sich die gängige Unterscheidung zwischen Verhalten und Einstellungen wieder. Verhalten kann Wahlverhalten, Mitgliedschaften, Gewaltausübung u.ä. sein, bei den Einstellungen weichen die Definitionen oft weit voneinander ab. Auffallend ist bei fast allen Definitionen zu Neonazismus, dass Vorstellungen von einer bestimmten Ordnung der Geschlechter und Sexualitäten nicht auftauchen. Dies ist verwunderlich, da diese so offensichtlich eine Rolle spielen. Oft ist es sogar noch reduzierter und Neonazismus wird kurzerhand mit Rassismus oder Antisemitismus gleichgesetzt.

Der Bevölkerungsteil, der sich einzelne Einstellungsmerkmale neonazistischen Denkens (siehe Neonazismus und Rechtsextremismus) zu eigen macht, ist wesentlich größer als diejenige Gruppe mit einem gefestigten neonazistischen Weltbild. Zudem sind alle genannten Einstellungsmerkmale gesamtgesellschaftlich weitaus häufiger anzutreffen als öffentlich sichtbar werdende Handlungen oder Wahlverhalten. Sie finden sich in allen Schichten/Klassen, allen Altersgruppen, allen Berufen, allen Bundesländern, sie sind unabhängig von Lebensalter, Geschlecht, Bildungsgrad oder Parteipräferenz. Dennoch gibt es Häufungen und Tendenzen, die an dieser Stelle nur kurz angedeutet werden sollen: Es gibt große regionale Unterschiede, ein Stadt-Land-Gefälle (tendenziell sind neonazistische Einstellungsmerkmale auf dem Land häufiger anzutreffen als in der Stadt), Ost-West-Unterschiede (autoritäre Ordnungsvorstellungen, Rassismus und Nationalismus sind signifikant häufiger im Osten, wohingegen der Antisemitismus, Sozialdarwinismus und der Pronazismus signifikant häufiger im Westen anzutreffen sind) und Altersdifferenzen (bei Menschen über 60 Jahren sind alle Werte höher als bei Menschen unter 60 Jahren).

Vergeschlechtlichte Unterschiede spielen bei den Einstellungsmerkmalen nur eine geringfügige Rolle. Für Männer und Frauen liegen in der Bundesrepublik ähnlich hohe Zustimmungswerte bei rassistischen, antisemitischen, sozialdarwinistischen, autoritären und pronazistischen Einstellungswerten vor, bei Sexismus und Heterosexismus gibt es höhere Zustimmungswerte bei der Gruppe der Männer. Eine leichte Tendenz ist in der Hinsicht auszumachen, dass Männer mehr Ressentiments gegenüber jenen Gruppen vertreten, die als vergleichsweise statushoch betrachtet werden können (Frauen, Juden/Jüdinnen, Homosexuelle), Frauen hingegen vergleichsweise mehr Ressentiments gegenüber statusniedrigen Gruppen, und zwar jenen, die als „Fremde“ empfunden werden könnten (Ausländer_innen, Muslim_innen, Schwarze) (vgl. hierzu ausführlich Küpper/Zick 2011). Handlungsweisen, Motivlagen, Strategien und die Politisierung von Lebensbereichen hingegen weisen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede auf. Die Sozialwissenschaftlerin Birgit Rommelspacher beschreibt als Spezifikum des männliches Neonazismus die Konkurrenz und (in Anlehnung an die Studie von Held u.a. 1996) als Spezifikum des weiblichen Neonazismus den Konventionalismus. Konkurrenz meint hierbei die Verteidigung des „Eigenen“ (Arbeitsplätze, Frauen, Territorium, soziale und ökonomische Ressourcen etc.) gegenüber als „fremd“  konstruierte Männlichkeiten (und Weiblichkeiten) und schlägt sich nieder in einem Politikverständnis, das auf Großmachtpolitik und Expansionismus ausgerichtet ist, welches auch gewalttätig verfolgt wird. Konventionalismus meint hingegen die Politisierung des Alltags mit Normen und Werten und unnachgiebig autoritäre Forderungen nach alltäglicher Anpassung und Ausgrenzung. Bezogen auf Motivlagen hat der Neonazismus bei Frauen eine eher kompensatorische Funktion: Er soll für eigene Benachteiligungen entschädigen und qua Abgrenzung nach unten die höhere Statuspositionen und Zugehörigkeit zur dominanten Mehrheit demonstrieren. Bei Männern hat er eine eher affirmative Komponente: Es geht um die Sicherung des Machterhalts gegenüber konkurrierenden Gruppen (vgl. Rommelspacher 2011 und Küpper/Zick 2011).

 

1.2 Neonazismus und Männlichkeit


Männlichkeit blieb in bisherigen Auseinandersetzungen mit neonazistischen Einstellungen, Praxen und Ideologien in der deutschsprachigen Diskussion und pädagogischen Praxis bis auf Ausnahmen weitgehend unreflektiert. Dies ist umso verwunderlicher, da Geschlecht im Allgemeinen und Männlichkeit(en) im Besonderen neonazistische Ideologie und Lebenswelten strukturieren und der Neonazismus oft sogar als männliches Phänomen wahrgenommen wird.

Kernfragen einer präventiven Praxis gegen Neonazismus sind einerseits, wie es sich verhindern lässt, dass Jungen (und Männer, Mädchen, Frauen) sich von neonazistischen Szenen angesprochen und hingezogen fühlen und andererseits, wie sie davon gelöst werden und Abstand gewinnen können, wenn sie sich ihnen schon zugehörig fühlen. Was sind Einstiegsmotive und was suchen und bekommen Jungen und junge Männer in neonazistischen Szenen? Um beiden Fragen nachzugehen ist es notwendig, sich die neonazistischen Männlichkeits- und Geschlechterkonstruktionen zu vergegenwärtigen. Wann und wie wird Männlichkeit thematisiert, welche Bilder und Anforderungen werden produziert und welche Männlichkeit wird wie davon angesprochen?

 

1.2.1 Thematisierung von Männlichkeit bei Neonazis

Männlichkeit wird im Neonazismus explizit eher selten, aber wenn, dann positiv-affirmativ thematisiert (z.B. Krieg, Kampf). Männlichkeit wird oft dann thematisiert, wenn es als Abgrenzungsfolie dient: Es wird gegen Gender Mainstreaming, Pride Parades/Christopher Street Days und Feminismus gehetzt. Mit Hilfe dieser Abgrenzungen wird die heterosexuelle patriarchale Kleinfamilie und deren Arbeitsteilung und Sphärentrennung als „Keimzelle des Volkes“ idealisiert, „Identität“ und „Natürlichkeit“  hochgehalten und eine biologi(sti)sch verstandene Sexualität und Zweigeschlechtlichkeit glorifiziert, die Männer wie Frauen zuallererst als biologisch determinierte Wesen fasst. Eine Besonderheit in der neonazistischen Thematisierung der Geschlechterverhältnisse ist dabei die Betonung einer Gleichwertigkeit der Aufgaben der Geschlechter anstelle einer Gleichberechtigung der Geschlechter.

Implizit wird Geschlecht und Männlichkeit im Neonazismus in allen oben angeführten Einstellungsmerkmalen mitverhandelt, die jeweils eigenen geschlechtlichen Logiken folgen. So sind beispielsweise die Behauptung einer grundlegenden Andersartigkeit der Geschlechter und die Vorstellung der „Volksgemeinschaft“  im völkischen Nationalismus untrennbar an eine klare Trennung der Sphären und damit verkoppelten Aufgabenteilung von Männern und Frauen geknüpft. In der „Volksgemeinschaft“  besteht die Pflichterfüllung der Männer in der Versorgung der Familie, im Kampf gegen äußere und innere Feind_innen und dem Schutz der Familie, des „Volkes“4 und der Nation, wohingegen die Pflichterfüllung der Frauen in der Reproduktion des „Volkes“  besteht, also im Gebären von Kindern und der Mutterrolle. Die Herstellung „richtiger“  (heterosexueller, „arischer“) Männer bei zeitgleicher Herstellung und Abwertung (wie auch partieller Aufwertung) „richtiger“  (heterosexueller, „arischer“) Frauen ist konstitutiv für die Konstruktion der nationalen „Volksgemeinschaft“, da diese sonst „ihre“ Aufgaben nicht wahrnehmen könnten. Zudem wird sich gerade von männlichen Neonazis in eine imaginierte völkisch-männliche Ahnenreihe von auserwählten und kämpferischen Männerbünden eingereiht, ein recht eigenwilliges ein- und ausschließendes konstruiertes „wir“ mit einer willkürlichen Aneinanderreihung von nordischen Göttern, Wikingern, Ariern, SS-, SA- und Wehrmachtssoldaten.

Die Geschlechterdimension im Rassismus und Antisemitismus findet sich beispielsweise in der Vorstellung eines Kampfes hegemonialer („arischer“) Männlichkeiten gegen marginalisierte („ausländische“, jüdische) Männlichkeiten, die angeblich Frauen, Arbeitsplätze und andere „Güter“, die als Eigenes betrachtet werden, wegnähmen, gleich das ganze „Volk“ vergiften oder aber in der Projektion, dass diese besonders machohaft und sexistisch seien. Im Antisemitismus gibt es tradierte Bilderwelten von einerseits effeminierten (der „kleine Cohn“5) und andererseits hypermaskulinen Juden, wohingegen die Jüdin wahlweise als „Mannweib“ oder „Schöne Jüdin“ imaginiert wird, die „arische“ Männer zur „Rassenschande“ verleitet (vgl. A.G. Gender-Killer 2005, zu den Begriffen hegemonialer und marginalisierter Männlichkeit vgl. den Artikel zu Männlichkeitsanforderungen in diesem Band). Der Sozialdarwinismus arbeitet grundsätzlich mit einer Entmännlichung seiner (potentiellen) Opfer: Es sind diejenigen, die gescheitert sind an den männlichen Imperativen der Souveränität, Autonomie, Unabhängigkeit, Handlungsfähigkeit und Überlegenheit. Ein ähnlicher Wertekanon findet sich bei den autoritären Ordnungsvorstellungen mit ihrer Sehnsucht nach patriarchalen Werten, klaren Hierarchien und soldatischer Männlichkeit.

Die Auseinandersetzung mit den eben angeführten Vergeschlechtlichtlichungsprozessen ist nicht nur für ein besseres Verständnis der Einstellungsmuster vonnöten, sondern auch, um zu verstehen, wie diese wirkmächtig werden.

Rassistische, antisemitische, sozialdarwinistische, nationalistische, völkische, (hetero-)sexistische und transfeindliche Einstellungen werden über Bilderwelten transportiert, die sich in Köpfen und Emotionen festsetzen – besser, als das je ein Text könnte. Und Vergeschlechtlichungsprozesse eignen sich besonders gut, um Bilder zu produzieren. Das Implizite daran ist, dass über die Thematisierung der abzulehnenden und zu bekämpfenden Fremdbilder eigene (männliche) Selbstbilder entworfen werden, um die es im nächsten Abschnitt gehen soll.

Die Funktionen und Ursachen von einerseits abzulehnenden Fremdbildern und dem Entwurf positiv konnotierter Selbstbilder bestehen in der Absicherung von Privilegien (Macht, Status, Dominanz, Einfluss, Wohlstand, Ressourcen), der Stabilisierung der eigenen Identität (Angstabwehr, Kontrollgewinn, Zugehörigkeit), Komplexitätsreduktion und Lustgewinn.

 

1.2.2 Relevante Aspekte für neonazistische Männlichkeitskonstruktionen

Neonazistische Männlichkeitskonstruktionen sollen im folgenden Abschnitt anhand von sechs Themenkomplexen näher bestimmt werden.

1. Neonazistische Männlichkeiten zeichnen sich durch aggressionsgeladene Männlichkeitsbilder und Hypermaskulinität aus, also durch eine extreme Ausprägung traditioneller Männlichkeit. Prügeleien und Trinkrituale sind hierbei nur die offensichtlichsten Männlichkeitspraxen, die Männlichkeit auf eine gesellschaftlich anerkannte Art mit Gewalt verknüpfen. Zugleich paaren sich männliche Schmerzresistenz und Opferbereitschaft mit Lobpreisungen von Körperkraft und dem Glauben, sich aus Krisen selbst befreien zu können. Hypermaskulinität tritt zumeist in der Kombination von Akten demonstrativer Männlichkeit und einer dezidierten Feindseligkeit gegen Unmännlichkeit auf.

2. Daran anschließend zeichnen sich neonazistische Männlichkeiten durch Heterosexismus aus. Die Ablehnung des „Schwulseins“ wird von Neonazis offensiv propagiert („widernatürliche Perversion“) und gewalttätig in die Tat umgesetzt („Schwule klatschen“). Der "Vorwurf" des Schwulseins war und ist bis heute auch ein gängiges Mittel, um unliebsame Konkurrenten und Abweichler auszugrenzen. Zugleich gibt es schwule Neonazis, die partiell toleriert werden, wenn sie sich hypermaskulin inszenieren, ihre Sexualität privatisieren und neonazistisch engagiert sind. Weibliche Homosexualität wird fast durchgängig dethematisiert, basierend auf der sexistischen Annahme, dass Frauen kein eigenständiges Begehren und keine eigenständige Sexualität haben.

3. Die Misogynie ist strukturell angelegt, Männlichkeit wird höher als Weiblichkeit bewertet. Männer dominieren, Frauen spielen eine untergeordnete Rolle. Weibliche Emanzipation, die Überschreitung traditioneller Formen weiblichen Verhaltens kann nur in dem Maße akzeptiert werden, wie sie das Bild der Männlichkeit nicht untergräbt und die Differenz zwischen Männern und Frauen aufrechterhält.

4. Gekoppelt an die Ideologie der „Volksgemeinschaft“ wird dem „Volk“ und der Nation ein Eigenleben zugesprochen – sie sollen sich reproduzieren, stark sein und wachsen. Die daraus abgeleitete Bevölkerungspolitik ist sowohl quantitativ wie qualitativ. Die weiße, deutsche, nichtjüdische, heterosexuelle, nichtbehinderte Kleinfamilie soll sich anhand genau dieser Kriterien fortpflanzen und wird dieser Logik folgend von Homosexuellen, People of Color6, Migrant_innen, Jüd_innen, Behinderten und vielen anderen Gruppen „bedroht“. Insbesondere der Frauenkörper ist hier als Dreh- und Angelpunkt bevölkerungspolitischer Maßnahmen von besonderem Interesse.

5. Eng mit dem Komplex der Bevölkerungspolitik verbunden ist der Komplex der „Rassenschande“. Während Schwule noch auf einen Ort der Toleranz in neonazistischen Szenen hoffen können, gilt dies für migrantische Männer, Männer of Color und Juden hingegen nicht. Diese werden als Bedrohung für deutsche (= „arische“) Männer verstanden, die ihre Verfügungsgewalt über Frauen, Arbeitsplätze etc. geltend machen. Es geht um Territorialhoheit, und die Männlichkeitskonstruktionen verlaufen scharf entlang völkischer und nationaler Grenzziehungen. Zugleich fungiert die Produktion dehumanisierter Feindbilder als Voraussetzung für Kampfbereitschaft und Härte.

6. Trotz der Naturalisierung traditioneller Geschlechterverhältnisse ist und bleibt Männlichkeit eine fragile Angelegenheit, die immer wieder in männlich dominierten Räumen eingeübt und bewiesen werden muss. Der Männerbund – versinnbildlicht in der Kameradschaft – ist hier von herausragender Bedeutung, er hat Integrationskraft und schafft ein „wir“. So ist beispielsweise der Konsum von deutschem Bier nicht nur ein ritueller Männlichkeitsbeweis, der positiv vom Konsum anderer Drogen (zum Beispiel „Kiffen“) abgegrenzt wird, er ist zugleich auch ein wichtiges Mittel zur Herstellung von Gemeinsamkeit, zur Regelung von sozialen Beziehungen und zur Festigung der Hierarchien innerhalb von Jungen- und Männergruppen. Homosoziale Männergemeinschaften fungieren demzufolge qua männlicher Homosozialität als Refugium – männliches Handeln ist hier keiner Hinterfragung ausgesetzt – wie auch als Verstärker von Männlichkeit, insbesondere einer soldatischen Männlichkeit. Neonazistische Männer schließen idealtypisch zwei dauerhafte Lebensbünde: den einen mit gleichgesinnten Männern, oft in der (waffen-)studentischen Korporation, den anderen mit einer Frau zur Familiengründung (vgl. Claus/Lehnert/Müller 2010, Overdieck 2010, Virchow 2010, Birsl 2011a, Praunheim 2005).

 

1.2.3 Plurale neonazistische Männlichkeiten


Die eben beschriebenen allgemeinen Aspekte neonazistischer Männlichkeitskonstruktionen treffen oft, aber nicht immer zu. Es gibt zudem eine zunehmende Ausdifferenzierung, Pluralisierung und Flexibilisierung von Männlichkeit(svorstellung)en innerhalb neonazistischer Szenen, Männlichkeitsnormen sind bis zu einem gewissen Grad fluider geworden. Es gibt nach wie vor die am Nationalsozialismus orientierte soldatische Männlichkeit, den traditionell-elitären Verbindungsstudenten, den Vertriebenenfunktionär und den bürgerlichen NPD-Abgeordneten im Nadelstreifen. Es gibt jedoch auch den trendbewussten autonomen Nationalisten, den arbeiterbewussten neonazistischen Skinhead, den völkisch-esoterischen Ökobauern und den rechten Internet-Blogger. Alle diese repräsentieren jeweils verschiedene neonazistische Männlichkeiten. Sie sprechen sowohl unterschiedliche soziale Gruppierungen als auch Erfahrungen an und sind sowohl in einen historischen wie auch strategischen Kontext eingebunden und akteursabhängig (vgl. Birsl 2011b, Möller 2011, Heilmann 2010).

Im Folgenden sollen die Männlichkeitskonstruktionen anhand von zwei verschiedenen Idealtypen neonazistischer Männlichkeiten aufgezeigt werden: Im einen Fall handelt es sich um protestierende Männlichkeiten, im anderen um hegemoniale Männlichkeiten am Beispiel der „Neuen Rechten“.


Neonazistische protestierende und feldspezifisch normative Männlichkeiten

Protestierende Männlichkeiten sind im Anschluss an Raewyn Connell eine Unterkategorie marginalisierter Männlichkeiten (vgl. hierzu den Artikel zu Männlichkeitsanforderungen in diesem Band). „Protestierend“, weil es ein übertriebenes Machtstreben gibt, um das mit Männlichkeit einhergehende Versprechen auf Dominanz einlösen bzw. eine untergeordnete Position vermeiden zu können. Hierzu kann u.a. Gewaltausübung, aggressive Körperlichkeit, Territorialverhalten und dergleichen mehr gehören. Solche Verhaltensweisen können Ausdruck von männlichen Jugendlichen sein, die weniger kulturelle und soziale Ressourcen haben, die aber dennoch dem männlichen Anforderungsset von Macht, Überlegenheit und Souveränität nachstreben und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln einen Kampf um Anerkennung führen. Neonazistische Szenen können (nicht müssen!) diesbezüglich zu einem Auffangbecken für Jungen bzw. Männer werden, die dort einen Ort finden, Hypermaskulinität leben zu können und zu dürfen (vgl. Stuve/Debus 2012). Bestimmte neonazistische Männlichkeiten können demzufolge als „protestierende Männlichkeiten“ verstanden werden.

Gleichzeitig können neonazistische Männlichkeiten in spezifischen sozialen Feldern dominant sein und mit Sanktions- und Normierungsmacht ausgestattet sein, ohne jedoch gesamtgesellschaftlich hegemonialen Status zu haben. Gerade im letzten Jahrzehnt hat es im gesamten Bundesgebiet eine Zunahme neonazistischer Angebote gegeben und immer mehr Jugendliche berichten über Berührungspunkte mit neonazistischem Gedankengut und/oder Gruppierungen. Ideologische Erziehung und „nationale Jugendarbeit“, Bürger_innennähe und attraktive Freizeitangebote von Neonazis – der sächsische NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel spricht von einer „geräuschlosen völkischen Graswurzelrevolution“ – haben zu einer strukturellen und organisatorischen Verdichtung neonazistischer Angebote und einer sozialräumlichen Verankerung geführt. Es gibt Gegenden, beispielsweise in Teilen der Sächsischen Schweiz oder Vorpommern, wo es möglich ist, fast das gesamte Leben nur mit Neonazis zu verbringen – von der Krabbelgruppe über den Arbeitgeber, die Hausaufgabenhilfe, die Bürgerinitiative und den Arztbesuch bis hin zum Stammtisch, der Schulklasse und der Familie. In einer solchen Parallelwelt sind neonazistische Männlichkeiten feldspezifisch normativ (vgl. hierzu den Artikel zu Männlichkeitsanforderungen).

Die Verdichtung wie Pluralisierung neonazistischer Angebote korreliert mit einer Pluralisierung der Jugendkulturen. War das verbreitete Bild des klassischen Neonazis vor 10, 20 Jahren noch jung, männlich, arbeitslos, Skinhead, Bomberjacke und Springerstiefel – was schon immer einseitig und unzureichend war – so ist dies mittlerweile komplett überholt. Der zeitgenössische (jugendliche) Neonazismus präsentiert sich als Kombination aus Freizeitgestaltung, Lebensgefühl und politischer Botschaft und findet sich in fast allen bestehenden Jugendkulturen: auch im Rap, dem Hardcore, dem Punk, im Metal, im Techno, bei den Gothics und diversen Ultra- und Hooligangruppen.


Hegemoniale neonazistische Männlichkeiten

Neonazistische Männlichkeiten, die hegemonial sind, finden sich u.a. bei der „Neuen Rechten“. Die „Neue Rechte“ sind rechte Intellektuelle, überwiegend männlich, überwiegend aus der Mittel- und Oberschicht, in Deutschland u.a. um die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ beheimatet. Die Neue Rechte geriert sich gerne als angriffslustig, selbstbewusst und tabubrecherisch, die sich von angeblichen „Denkverboten“ oder einer als übermächtig imaginierten, angeblichen linksliberalen Medienwelt nicht einschüchtern lässt. Gabriele Kämper hat in ihrer Studie Die männliche Nation (Kämper 2005a+b) anhand der „Neuen Rechten“ vier sprachbildliche Begriffsfelder herausgearbeitet, in denen kulturelle Codierungen von Geschlecht verhandelt werden, und zwar in einer Abwehr gegenüber allem, was weiblich konnotiert ist. Es wird ein vielschichtiges Angebot zur Identifikation mit einer starken Nation geboten, die rhetorisch als Wiedererlangung von Männlichkeit vorgestellt wird. Attraktivität entwickeln die Begriffsfelder über eine emotionale Ansprache, die Adressaten sind Männer.

Das erste von Kämper analysierte Begriffsfeld ist das der Elite und Masse. Heroische Einzelgänger erheben sich hier aus einer als dumpf, träge und entindividualisiert gezeichneten Masse, die alles zu überschwemmen droht. Nationale Renaissance, Auserwähltheit und männliche Subjektkonstitution verbinden sich zu einer attraktiven Figur souveräner Individuation. Das zweite Begriffsfeld ist das der Dekadenz und Familie. Dekadenz versinnbildlicht das Gegenbild zur Familie, sie ist verknüpft mit allerlei Negativzuschreibungen, die zwischen Verweiblichung und Entmännlichung changieren. Die Familie hingegen wird als Hort von Heimat und Geborgenheit beschworen und als vollkommene Mutter-Sohn-Dyade imaginiert. Als „Trägerin des biologischen Erbes“ und „Keimzelle des Volkes“ ist sie von herausgehobener Bedeutung. Diese mütterlich-familiär imaginierten Verschmelzungswünsche stellen die Kehrseite zum dritten Begriffsfeld Autorität, Wehrhaftigkeit und Werte dar. Hier finden sich positive Wertungen, die mit kämpferischen und überlegenen Männlichkeitsbildern assoziiert sind. Diese Charakterzüge müssen zurückerobert werden, um nicht von Passivität, historischer Schuld und Fremdbestimmung „übermannt“ zu werden. Im vierten Begriffsfeld Vatermord wird sich die Nation als väterliches Erbe vorgestellt, als Anrufung des Verhältnisses zwischen Söhnen und Vätern. Ein kritisches Verhältnis zur eigenen Nation habe Selbstzweifel und den Verlust väterlicher Autorität zur Folge – den „Vatermord“ – mit dem Ergebnis der Selbstvernichtung.

Hegemoniale Männlichkeit artikuliert sich in diesen Diskursfeldern in einer männerbündischen und selbstbewusst-elitären Männlichkeit, die ihre überlegene Bildung polemisch inszeniert, traditionelle Männlichkeit und patriarchale Strukturen als Garanten einer guten Gesellschaft idealisiert und Hass gegen das Postulat der Gleichheit der Menschen schürt.


Neonazistische Männlichkeiten im Vergleich

Im Folgenden sollen diese beiden Männlichkeiten in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden.

Protestierende Männlichkeiten können sich an neonazistischen Männlichkeiten orientieren, aber auch an ganz anderen Männlichkeiten. Diese „sozialen Modernisierungsverlierer“ sind vielfach hinsichtlich ihrer Anfälligkeit für rechte Populismen diagnostiziert worden – ein Bild, das vielfach zu kurz greift, und zwar nicht nur, weil Verunsicherungs- wie Modernisierungsthesen nicht haltbar sind und die soziale Klassenposition keine hinreichende Erklärung für Neigungen zum Neonazismus bietet. Es ist Ursula Birsl und Kurt Möller zufolge ein Irrtum, Neonazismus nur mit einem Männlichkeitshabitus zu assoziieren, der Macker- und Machoallüren zum Ausdruck bringt (vgl. Birsl 2011b, Möller 2011). Es gibt, wie am Beispiel der Neuen Rechten gezeigt, andere neonazistische Männlichkeiten, die hyperprivilegiert sind und die aggressiv genau diese Privilegien verteidigen, welche im Rahmen gesellschaftlicher Transformationsprozesse (allgemeine Individualisierungstendenzen, Erosion des Alleinernährermodells, Erfolge der LGBT-Bewegungen und des Feminismus, kulturell-diskursive Diskussionen um Metrosexualität, Partnerschaft, Elterngeld, Wehrpflicht etc.) zunehmend hinterfragt werden. Die Rhetorik der Neuen Rechten zielt passgenau auf diese Verwerfungen der „kulturellen Modernisierungsverlierer“ und bietet viele ideologische Anknüpfungspunkte für erschütterte bürgerliche Männlichkeiten (vgl. Kämper 2005a+b).

Es gibt Ursula Birsl zufolge keine typischen Lebensverläufe, sondern bestenfalls Dispositionen für neonazistische Orientierungen. Einerseits kann ein niedriger sozialer Status und/oder die Wahrnehmung einer absoluten oder relativen Benachteiligung für die Tendenz zum Neonazismus ausschlaggebend sein, um sich selbst durch die Abwertung Anderer aufzuwerten. Andererseits kann auch ein hoher sozialer Status bzw. die Wahrnehmung, dass eine Fremdgruppe diesen bedroht oder um diesen konkurriert, eine Motivlage für Neonazismus sein, um eben diesen Status zu legitimieren, zu verteidigen und die eigenen Interessen mittels Hierarchisierung und Dominanz auf Kosten der „Anderen“ durchsetzen. Von daher entscheidet die jeweilige Klassenposition stark darüber, um wessen Interessen es jeweils geht, welche Probleme „gelöst“ werden sollen und welche Mittel dabei als angemessen gelten (vgl. Birsl 2011b, Küpper/Zick 2011).

Die in der Betrachtung des Neonazismus nach wie vor vorherrschende Fokussierung auf unmittelbare und direkte Gewaltanwendung lässt andere Motivlagen, in neonazistische Szenen einzusteigen, außen vor und macht deren Akteure unsichtbar. Gerade obere Klassen können Gewalt durchaus befürworten, diese aber nur dann für politisch funktional oder legitim halten, wenn sie durch eine autoritär agierende Staatsgewalt repressiv ausgeübt wird. Dies hat Birsl zufolge auch Folgen für die Männlichkeitskonstruktionen, die nicht unbedingt permanente Kampfbereitschaft, Härte und Gewalt präsentieren müssen, sondern die anders gelebt werden können, sei es als hilfsbereiter Freund, fürsorglicher großer Bruder, stylisch-cooler Typ oder liebevoller Beziehungspartner. Eine neonazistische hegemoniale Männlichkeit kann sich dementsprechend besser tarnen als eine neonazistische protestierende Männlichkeit. Erstere ist unauffälliger, der geschlechtliche Habitus erscheint mehr als gesellschaftliche Normalität männlicher Orientierung und männlichen Verhaltens (vgl. Birsl 2011b).

Sieht man sich das Binnenverhältnis der beiden benannten Männlichkeiten mit Connell an, kann man auch innerhalb des Feldes neonazistischer Männlichkeiten Konkurrenzdynamiken ausmachen. So läuft die Fundierung der eigenen Männlichkeit bei neonazistischen marginalisierten Männlichkeiten mit geringem Zugang zu Bildung zumeist über körperliche Stärke und die Fähigkeit zur Gewaltausübung und weniger beispielsweise über beruflichen Erfolg – was einen Abgrenzungsimpuls von bürgerlichen bzw. intellektuellen neonazistischen Männlichkeiten und der Abwertung dieser als effeminiert zur Folge haben kann. Hier findet also auch die Abgrenzung einer feldspezifisch normativen Männlichkeit von den Werten hegemonialer Männlichkeiten statt (vgl. Stuve/ Debus 2012). Im Gegenzug können sich neonazistische hegemoniale Männlichkeiten von den „Hohlköpfen“ und „Schlägern, die nichts im Kopf haben“ abgrenzen und die eigene Position innerhalb der Binnenrelationen von Männlichkeiten über überlegenen Intellekt, elitäres Denken und beruflichen Erfolg fundieren.


1.2.4 Was macht Neonazismus und seine Männlichkeitskonstruktionen attraktiv?


Neonazistische Männlichkeitsbilder sind besonders vor dem Hintergrund attraktiv, dass die Männlichkeit hier eindeutig, sicher und überlegen zu sein scheint. Unhinterfragt kann Hypermaskulinität ausgelebt und alle drohenden oder tatsächlichen Unterlegenheits- und Schamgefühle können durch die Stilisierung von Überlegenheit vermieden werden. Gerade mit der Marginalisierung soldatischer Männlichkeit nach 1945 können neonazistische Männlichkeiten als Antwort auf bestimmte verunsicherte Männlichkeiten betrachtet werden. Sie versprechen Orientierungsvermögen in einer bewegten Welt und eine eigentlich „natürliche“ Ordnung kann hier verteidigt werden.

Die Einlösung des Versprechens auf Überlegenheit kann in neonazistischen Szenen zusätzlich über die Ebene der Männlichkeit hinaus ausgedehnt werden. Überlegenheit kann hier als weißer Mann, als deutscher Mann, als „Arier“, als nichtbehinderter Mann, als heterosexueller Mann hergestellt werden. Angeboten wird eine machtvolle Position für weiße, deutsche, heterosexuelle, nichtbehinderte Jungen und junge Männer. Die Überlegenheitsvorstellungen, die Ausgangspunkt, An- wie Aufforderung an alle Männlichkeiten sind, kreuzen sich mit rassistischen, antisemitischen, sozialdarwinistischen und völkischen Überlegenheitsvorstellungen. Zugleich kann damit reale gesellschaftliche Machtlosigkeit kompensiert werden.

Die Möglichkeit zur und die Legitimität von Gewaltausübung in neonazistischen Szenen ist ein weiteres Attraktivitätsmoment, da diese Selbstwirksamkeit und männliche Überlegenheit verspricht. Gewalt scheint voraussetzungslos und selbstverständlich zu sein, man muss nichts weiter dafür lernen und sie wird von allen verstanden (vgl. Stuve/Debus 2012). Die Frage „Schaffe ich das?“ wird möglicherweise mit einem einfachen Faustschlag binnen Sekunden beantwortbar.

Das Bedürfnis nach Freundschaft, Zugehörigkeit, Zusammenhalt, Anerkennung und Selbstwert ist in neonazistischen Cliquen spezifisch über die Ideologie der „Kameradschaft“ aufgeladen, die all das in gesteigerter Form verspricht. Männer können sich in ihr näher kommen und Gemeinschaftlichkeit leben, ohne in den Geruch des Unmännlichen zu kommen. Die Kameradschaft verspricht zudem Schutz, Rückhalt, Stärke und Dominanz, man kann mit ihr Plätze und Räume besetzen und Macht demonstrieren, Mut beweisen, seine politische Meinung in die Öffentlichkeit bringen, hat einen Erfahrungsraum für Extreme und den Kick in der Konfrontation mit Gegner_innen und männlichen Konkurrenzkämpfen. Man kann Durchsetzungsfähigkeit unter anderen „Kameraden“ beweisen und männliche Kompetenzen wie körperliche Stärke, Härte und Wehrhaftigkeit einüben, opferbereites Einstehen füreinander demonstrieren und darüber hinaus eine Verteidigungshaltung gegenüber Outgroups einnehmen. Durch die Demonstration hoher Risikobereitschaft – Mut bis zum Äußersten unter Beweis stellen, Belegversuche unverbrüchlicher Freundschaft, exzessiver Alkoholkonsum – wird Anerkennung erfahren. Eine Aufwertung wie auch Anerkennung kann zudem durch den Ruch des Rebellischen entstehen, „gegen die ganze Gesellschaft“ zu sein, Tabubrüche zu begehen, zu provozieren und sich aufzulehnen, sich zugleich aber als „Sprachrohr des Volkes“ zu inszenieren – das alles kann ganz schön cool sein und als subjektiver Gewinn erlebt werden.

Bei höheren Klassenpositionen ist demgegenüber die Möglichkeit attraktiv, ganz selbstverständlich und unhinterfragt eine Führungs- und Dominanzposition einnehmen zu können. Zudem kann argumentative Überlegenheit gepflegt und elitäres Inselwissen kultiviert werden.

Die Hinwendung zu und Einstiege in neonazistische Cliquen erfolgen bei männlichen Jugendlichen zumeist im Alter von 13 bis 15 Jahren. In den wenigsten Fällen geschieht dies weniger über Parteien und Organisationen als vielmehr über Cliquen und Peer Groups im (jugend-)kulturellen Vorraum (vgl. Schuhmacher 2011).

Es gibt aber auch inhaltliche Gründe, die Nähe zu neonazistischen Kreisen zu suchen. Wer auf der Suche nach traditionellen Werten ist, findet dort ebenso Anknüpfungspunkte wie diejenigen, die argumentative Munition für die Legitimierung von Herrschaftsverhältnissen suchen. Für den biographischen Aufbau von Affinität zu neonazistischen Haltungen sowie entsprechend orientierten Zusammenhängen sind Möller zufolge insbesondere diejenigen männlichen Jugendlichen anfällig, die eine starke Hegemonialorientierung aufbauen. Das können Gelegenheitsstrukturen sein, Gewaltakzeptanz zu demonstrieren und sich im doppelten Sinne als „rechter Kerl“ zu gerieren (vgl. Möller 2011), aber auch eine inhaltlich-intellektuelle Auseinandersetzung mit neonazistischen Einstellungsmerkmalen. Hervorzuheben ist, dass die Selbststilisierung von Neonazis als „rebellisch“ zwar subjektiv so erlebt werden kann und ein großes Attraktivitätsmoment bei Einstiegen und der Konstitution von Gruppen darstellt, de facto aber auf der Ebene von Männlichkeit nicht nur nicht zutrifft, sondern vielmehr gegenteilig eine Überaffirmationen von gesellschaftlichen (Männlichkeits-)Normen bedeutet (vgl. Schuhmacher 2011).

Ob sich mehr von der Verhaltens- oder mehr von der Einstellungsebene genähert wird: Die Kategorie Männlichkeit spielt in jeder Hinsicht eine entscheidende Rolle für die Hinwendung und den Verbleib von Jungen und jungen Männern in neonazistischen Szenen.

Diese Befunde schlagen sich im neonazistischen Personenpotential nieder, deren Männer- und Jungenanteil sich wie folgt zusammensetzt: In Parteien und parteiähnlichen Zusammenschlüssen ist der Männer- bzw. Jungenanteil bei etwa 70 bis 80 % und innerhalb der Funktionärselite noch deutlich höher. „Freie Kameradschaften“ haben einen noch höheren Männer- bzw. Jungenanteil, Schätzungen gehen von ca. 90 % aus. Und je gewaltbereiter sich eine Organisation gibt und je höher die hierarchische Position ist, umso mehr steigt auch der Männeranteil. Polizeilich registrierte neonazistisch motivierte StraftäterInnen sind zu rund 90 % männlich, drei Viertel von ihnen unter 25 Jahren. WählerInnen rechter Parteien sind zu zwei Dritteln Männer (vgl. Möller 2010).


1.2.5 Nachteilige Folgen der Hinwendung zu neonazistischen Szenen


Die Hinwendung zu und der Verbleib in neonazistischen Szenen sind jedoch nicht folgenlos. Es gibt Nachteile und negative Effekte, die zu vergegenwärtigen sich lohnt, ist doch hier ein zentraler Ansatzpunkt für Prävention möglich. Der Einstieg in neonazistische Kreise im Allgemeinen und in eine Kameradschaft im Besonderen geht mit dem Verlust individueller Handlungsfreiheit einher. Man muss sich anpassen und den Normen der Kameradschaft unterwerfen, welche zumeist recht strikt sind, denn es herrscht ein großer Homogenisierungszwang. Zudem wird all das, was in der Kameradschaft oder anderen rechten Cliquen gesucht wurde, oft nicht gefunden. Aussteiger(Innen) berichten immer wieder, dass Bedürfnisse nach Freundschaft, Anerkennung, Selbstwert etc. nicht befriedigt wurden. Weiterhin gehen nicht-neonazistische Freundschaften sukzessive in dem Maße verloren, wie in neonazistische Szenen eingetaucht wird. Darüber hinaus kommt es oft sogar zu gegenteiligen Effekten: Die interne Gewalt in Kameradschaften gegen die eigenen Leute ist außerordentlich hoch, nicht zuletzt, da sie auch als Ritual der Status(aus)handlung und Beziehungsbestätigung angewandt wird. Und Gewalt tut weh. Es gibt sogar kameradschaftsinterne Morde, was den Mythos Kameradschaft am drastischsten aufscheinen lässt (vgl. Speit 2010). Kommt es zu kriminellen Handlungen im Rahmen der Beteiligung an neonazistischen Zusammenhängen – was nicht unwahrscheinlich ist – werden alternative Zukunftsentwürfe verbaut und es kann zu einer öffentlichen Diskreditierung und Strafen kommen. Wird versucht, auszusteigen, kann es zudem Druck von Ex-KameradInnen7 geben. Schlussendlich sind männliche Inszenierungenanstrengend, kosten Energie und sind oft auch überfordernd – ein schönes Leben sieht anders aus. Zudem ändert sich real nichts – der Neonazismus gibt falsche Antworten auf gesellschaftliche Probleme (Armut, Hierarchisierungen unter Männern).

Was heißen diese Befunde und Analysen für eine geschlechterreflektierte Prävention gegen Neonazismus in der Arbeit mit Jungen?

 

2. Elemente der Neonazismus-Prävention


Bevor auf die geschlechterreflektierten Aspekte eingegangen wird, sollen zunächst stichpunktartig die allgemeinen Voraussetzungen einer Neonazismus-Prävention beleuchtet werden. Der Fokus auf Geschlecht bzw. Männlichkeit ist wichtig, aber weder ausreichend noch hinreichend für eine effektive Präventionsarbeit.


2.1 Allgemeine Elemente der Neonazismus-Prävention

  • Neonazismus-Prävention ist für alle notwendig, vom Kita-Kind bis zum Greis. Konzepte müssen langfristig sein und frühzeitig beginnen (statt Feuerwehrpolitik und Kurzfristigkeit von Präventionsprogrammen), sich an alle (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) richten (anstatt nur an deklassierte gewalttätige Jungmänner im Osten) und ausreichend finanziert werden (statt chronischer Unterfinanzierung).
  • Neonazismus kann nicht alleine mit (Sozial-)Pädagogik begegnet werden. Jugendliche sind nicht das Hauptproblem. Verantwortlich ist die ganze Gesellschaft. Prävention ist dort wirksam, wo Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Spezialist_innen und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.
  • Wer auf schnelle Ergebnisse fokussiert ist, wird enttäuscht werden. Es gibt kein Patentrezept, welches das Problem auf einen Schlag löst. Deshalb bedarf es Geduld, Durchhaltevermögen und eines langen Atems.
  • Kein alleiniger TäterInnenfokus und keine Täter-Innen-Opfer-Verkehrung. Mindestens 50 % aller Ressourcen müssen in Projekte, Räume, Kampagnen und Solidarität von und mit Betroffenen und Opfern von Neonazismus fließen.
  • Umgehendes, direktes Handeln ist zwingend erforderlich. Geschieht dieses nicht, werden neonazistische Äußerungen, Handlungen und Lifestyles schleichend normal(isiert).
  • (Gewalt-)Verhalten ist ein Problem, das Hauptproblem besteht aber in den neonazistischen Inhalten. Die kritische Beschäftigung mit den einzelnen Ideologiefragmenten und Einstellungsmerkmalen des Neonazismus (völkischer Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Sexismus, Heterosexismus, Transfeindlichkeit, Pronazismus und autoritäre Ordnungsvorstellungen) ist der Kernbestandteil einer effektiven Prävention. Dazu ist es notwendig, die eigene Argumentation zu schärfen und sich inhaltlich, methodisch und argumentativ fortzubilden.
  • Links ≠ Rechts. Der fremd- oder selbstauferlegte Zwang wie gebetsmühlenartig wiederholte Fehlschluss, dass wer etwas gegen Rechte mache, auch etwas gegen Linke machen müsse, folgt falschen Annahmen wie Zielen (vgl. hierzu den Kasten Neonazismus und Rechtsextremismus). Linke sind Verbündete (und oft auch die einzigen) im Kampf gegen Neonazismus. Breite Bündnisse gegen Neonazismus machen Sinn, man muss sich nicht in allen Fragen einig sein.
  • Es ist notwendig, alternative und progressive Jugendkulturen und Schüler_innen zu stärken, da es nicht-rechten Jugendlichen bei fehlenden Alternativen in manchen Situationen nahezu unmöglich ist, sich keinen rechten Cliquen anzuschließen.
  • Neonazis sind Teil der Gesellschaft und ihrer jeweiligen Umfelder. Es braucht von daher einen systemischen Blick, die Arbeit mit Peer Gruppen, Familien, Eltern und Geschwistern8, politische Kampagnen etc.

 

Speziell aus pädagogischer Sicht kann es Sinn machen, sich folgende Handlungsvorschläge zu vergegenwärtigen: 

  • Verstehen, was pädagogisch möglich ist und was nicht. Was (Sozial-)Pädagogik leisten kann, ist die Einflussnahme auf biographische Entwicklungen Einzelner, da Jugendliche in der Regel noch kein festgefügtes neonazistisches Weltbild haben und Einstiege in neonazistische Szenen nicht von heute auf morgen erfolgen, sondern Teil eines Entwicklungsprozesses sind. Durch Auseinandersetzung und die Erweiterung von Handlungs- und Erfahrungsräumen werden Veränderungsprozesse möglich.
  • In der Arbeit mit Jugendlichen sind die Einstiegsfaktoren und -motivationen von zentraler Bedeutung. Hier geht es auch, wie schon zuvor erwähnt, um eine inhaltliche Auseinandersetzung, aber auch sehr stark um die Frage, was auf einer Verhaltensebene in neonazistischen Kreisen gesucht wird und was Alternativen dazu sein können.
  • Demokratische Orientierungen stehen Neonazismus entgegen. Diese sind keine reine Kopfangelegenheit, sondern Demokratie muss eingeübt und gelebt werden. Wichtig ist die Ermöglichung der Partizipation von Jugendlichen und die Stärkung demokratischer Orientierungen und Zivilcourage. Dadurch wird auch die Erkenntnis vermittelt, dass jede_r Einzelne etwas verändern kann und sich das lohnt.
  • Bei Jugendlichen, die bereits in rechte Szenen eingebunden sind, macht es Sinn, positive Erlebnisse in nicht-rechten Umfeldern zu ermöglichen. Das bedeutet, dass mit den einzelnen Jugendlichen der Kontakt gehalten werden sollte – trotz aller Kritik, die man in der alltäglichen Arbeit an ihren Einstellungen und ihrem Verhalten formuliert. Auf diesem Wege kann vielleicht verhindert werden, dass sich Rechts-Orientierte in neonazistische Strukturen einbinden (lassen).
  • Differenzieren, mit welchen Personen man noch arbeiten kann (Sympathisant_innen, Mitläufer_innen) und mit wem jegliche Arbeit zwecklos oder sogar gefährlich ist (AktivistInnen, KaderInnen) (siehe auch S. 88f.). Hierfür ist ein Wissen um Codes, Symbole, Kleidung, Musik, Sprüche, Ideologiedichte, Diskussionsverhalten und Einbindungsgrad in die neonazistische Szene erforderlich, um diese Einschätzung und Differenzierung vornehmen zu können.9 Wenn jemand vom „Weltnetz“ und „T-Hemden“ spricht, die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordert, Thor Steinar trägt und den zu großen Einfluss des „Weltpolizisten USA“ beklagt, sollte man dringend Informationen einholen, sich beraten lassen und handeln.
  • Auf Veränderungen reagieren (Kleidung, Musik, Sprüche, ...) ist wichtig. Ignoranz trägt zur Normalisierung rechter Lifestyles bei wie auch zur Akzeptanz rechter Einstellungen und Verhaltensweisen („Wer schweigt, stimmt zu“).
  • Nach Ursachen fragen/forschen und demokratische Deutungen anbieten. Wenn jemand beispielsweise der Ansicht ist, dass „die Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen“, kann die Frage nach den Ursachen (z.B. Angst vor Armut) losgelöst von der rassistischen Antwort/„Lösung“ („die Ausländer sind daran schuld“) verhandelt werden.
  • Konflikte wagen und klar handeln, eigene Standpunkte klar stellen, widersprechen und Grenzen bei diskriminierendem, grenzüberschreitendem und gewalttätigem Handeln setzen. Der Anspruch, „offen für alle“ oder „neutral“ sein zu wollen schließt de facto all diejenigen aus, die von Neonazis ausgegrenzt und bekämpft werden. Tatsächlich „offene Räume“ positionieren sich hingegen deutlich gegen diejenigen, die Räume schließen/enger machen wollen. Oft gibt es bei pädagogisch Tätigen die Befürchtung, dass Jungs/Jugendliche bei Grenzsetzungen aus dem Kontakt gehen – was aber zumeist unbegründet ist und zudem oft begleitet wird von handlungsohnmächtiger Empathie und (Selbst-)Verunsicherung. Das Gegenteil ist oft richtig: Viele rechtsorientierte Jugendliche suchen die Auseinandersetzung und den Kontakt. Dem vorausgegangen sollte der Aufbau einer wertschätzenden Beziehung sein. Vertrauensbildende Beziehungsarbeit ist Grundlage jeglicher pädagogischer Arbeit; bei rechtsorientierten Jugendlichen mag diese eventuell schwerer sein, ist aber umso wichtiger. Der offene Widerspruch und die Positionierung gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit ist notwendig, da zum einen das Selbstbewusstsein und Verhalten von Neonazis verunsichert wird, zum zweiten wird verdeutlicht, dass diese nicht für die angeblich stille Mehrheit der Bevölkerung sprechen, als die sie sich gerne stilisieren und zum dritten ist der offene, direkte und fundiert begründete Widerspruch ein wichtiger emotional-psychologischer Anker für spätere AussteigerInnen – diese erinnern sich oft Jahre später bei ihrem/ihren Distanzierungsprozessen an die Personen, die ihnen klar widersprochen haben. Und nur dort, wo Neonazis unwidersprochen agieren können, erlangen sie sozialräumliche Dominanz.
  • Grenzen setzen ist wichtig, überzeugend begründete Grenzsetzungen können nachhaltige Veränderungen initiieren und andere vor Übergriffen schützen. Verbote sollten stets inhaltlich begründet und diskutiert werden; Verbote ohne Begründung können zu einem Gefühl des "Gegängelt-Werdens" beitragen, was neonazistische Meinungen bestärken kann.
  • Eindeutige Straftaten hingegen sollten verfolgt und geahndet werden. Hier stößt pädagogische Arbeit an ihre Grenzen.

Die hier aufgezählten Handlungsvorschläge sind Anregungen und Orientierungspunkte, welche weder alle auf einmal noch sofort noch alleine berücksichtigt werden können. Es macht Sinn, sich zunächst einen einzelnen Punkt herauszusuchen, der an der eigenen Schule/Einrichtung besonders wichtig oder am ehesten machbar erscheint und mit diesem anzufangen. Aus kleinen, ersten Schritten kann dann nach und nach Größeres werden.

 

2.2 Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen als Neonazismus-Prävention


Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen als Prävention gegen Neonazismus ist keine umfassende Präventionsstrategie gegen Neonazismus, aber eine sinnvolle Erweiterung bestehender Präventionskonzepte und -ideen. Eine diesbezügliche Diskussion ist vergleichsweise jung und eine Praxis in der Bundesrepublik gerade erst am Entstehen.

Eine geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen kann die gesellschaftlichen Anforderungen an Jungen, „richtige Männer“ werden zu sollen und geschlechtliche Eindeutigkeit leben zu müssen, unterlaufen und hierdurch neonazistisch-präventiv wirken. Eine Distanzierung von neonazistischen Ungleichheitsvorstellungen hat die größten Chancen erfolgreich zu sein, wenn sie in einem relativ frühen Stadium neonazistischer Orientierung einsetzt. Gewalttätigkeit von Neonazis kann auch noch im Erwachsenenleben abgebaut werden, aber verfestigte neonazistische Einstellungen sind in den seltensten Fällen gänzlich auflösbar. Kurt Möller macht drei Mechanismen aus, die Distanzierungsprozesse begünstigen:

  • Neue soziale Kontakte,
  • Konfliktreduzierende Veränderungen von Lebensumständen, insbesondere Kontroll-und Integrationserfahrungen und
  • Zugewinne an Selbst- und Sozialkompetenzen wie Reflexivität, Empathie, Impulskontrolle etc. (vgl. Möller 2011).

Wird ein Blick auf die bundesrepublikanische Neonazismus-Prävention seit Anfang der 1990er-Jahre geworfen, hat sich eine fehlende geschlechterreflektierte Sicht in den Präventionskonzepten teilweise verheerend ausgewirkt. Die akzeptierende Jugendarbeit, die in den 1990er-Jahren zunächst in West-Deutschland entwickelt und dann insbesondere in Ostdeutschland umgesetzt wurde, nahm gewaltaffine, neonazistisch orientierte Jugendliche in den Blick. Dies hatte einerseits zur Folge, dass dadurch implizit eine männliche Zielgruppe mit einer auf diese ausgerichtete Sozialarbeit definiert wurde. Andererseits gerieten dadurch all diejenigen neonazistisch orientierten Jugendlichen, die keine Gewalt ausüb(t)en, aus dem Fokus der pädagogischen Arbeit, also fast alle weiblichen und diejenigen männlichen Jugendlichen, die nicht „auffällig“ waren. In der Praxis der akzeptierenden Jugendarbeit waren aber zumeist weder geschlechterreflektierte Angebote vorgesehen noch gab es konkrete Handlungsanregungen. Erschwerend kam hinzu, dass durch den starken Fokus auf soziale Arbeit und Akzeptanz von neonazistischen Jugendlichen die inhaltliche Auseinandersetzung um die politischen Inhalte in den Hintergrund gerückt wurde. Die simple Annahme war, dass durch Integration und Selbstentfaltungschancen von Neonazis diese ganz von alleine aufhörten, neonazistisch zu sein (vgl. Laumann 2010, Stützel 2012).

Des Weiteren gab und gibt es verschiedene Analysen, die davon ausgehen, dass (männliche) Neonazis unter einer „Ich-Schwäche“ und fehlendem Selbstbewusstsein litten und sie deswegen Phänomenen des Neonazismus nachhingen. Die Ursache der angenommenen Ich-Schwäche wird in einer nicht geglückten Geschlechtsentwicklung ausgemacht, die hypermaskulines Verhalten zur Folge habe. Die Antwort darauf besteht in einer Verringerung der Ich-Schwäche, die allerdings im Konkreten an vielfältigen Punkten an traditionelle Männlichkeit anknüpft (Kraft, Risiko, Konkurrenz, Körperkult etc.) und dabei verkennt, dass es die ganz „normale“ Männlichkeit ist, die immer wieder genau die Anforderungen hervorbringt, die neonazistische Männlichkeiten besser erfüllen können.

Eine sinnvolle geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen gegen Neonazismus sollte daher Folgendes beherzigen:

  • Männlichkeit ist keine Lösung, sondern eine Anforderung und ein Problem – nicht nur allgemein, sondern insbesondere aus einer neonazistisch-präventiven Sicht. Angebote, die an angeblich „natürliche Seiten“ von Männlichkeit anknüpfen oder anderweitig männliche Identität stärken, sind kontraproduktiv, da sie neonazistische Vorstellungen von Geschlechter(an)ordnungen stützen und damit Anschlussstellen zu diesen bieten. Stattdessen muss es um die Förderung der Vielfältigkeit von männlichen, weiblichen und anders geschlechtlichen Lebensentwürfen und um die Entlastung von Männlichkeitsanforderungen und dem Vereindeutigungszwang gehen, d.h. um die Ermöglichung von Entwicklungserfahrungen, bei denen als „unmännlich“ und „schwul“ angesehene Attribute nicht abgewertet werden und kein Machtanspruch gegenüber Mädchen und Frauen erhoben wird. Real bedeutet dies, und das sollte auch kognitiv vermittelt werden, einen Zugewinn an individueller Handlungsfreiheit und Möglichkeitsräumen.
  • Daran anknüpfend sind Männer nur dann als Vorbilder zu betrachten, wenn sie sich kritisch mit den Anforderungen traditioneller Männlichkeit auseinandersetzen und in ihrer pädagogischen Arbeit Transparenz über diese Auseinandersetzung herstellen, d.h. auch über ihre subjektiven Abweichungen und individuellen Umgangsweisen damit.
  • Darüber hinaus geht es auch darum, vielfältige männliche (und weibliche) Lebensentwürfe und -realitäten sichtbar und auch im pädagogischen Kontakt erfahrbar zu machen. Zumindest dann, wenn schwule Männlichkeiten, behinderte Männlichkeiten, Trans-Männlichkeiten, Männer of Color etc. sich eine Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen vorstellen können.
  • Die Stärkung des Selbstbewusstseins ist sinnvoll und notwendig – und zwar als Person, nicht als Mann.
  • Auch aus geschlechterreflektierter Sicht ist notwendig, genau zu differenzieren, mit wem man eigentlich zu tun hat. Die Differenzierung zwischen KaderInnen, AktivistInnen, Sympathisant_innen und Mitläufer_innen (siehe Tabelle am Ende des Artikels) ist zu ergänzen um eine Differenzierung dahingehend, mit was für Männlichkeiten man es zu tun hat: Geht es um neonazistische protestierende Männlichkeiten, für die Männlichkeit eine letzte Ressource im Kampf um Anerkennung ist? Geht es um hegemoniale neonazistische Männlichkeiten, die ihre privilegierte Stellung im Geschlechterverhältnis festigen wollen? Geht es um Freundschaft, um Überlegenheit, um …? Auf diese Fragen und Zielgruppen sind auch präventive Strategien abzustimmen.
  • Darauf bezogen sind beispielsweise Wünsche nach Freundschaft und Kameradschaft ernst zu nehmen und aufzugreifen, zugleich sollten dabei Männlichkeits- und Geschlechterkonstruktionen kritisch hinterfragt und ambivalente konkurrente Beziehungen mit den „ernsten Spielen des Wettbewerbs“ (vgl. hierzu Punkt 2.2 im Artikel zu Männlichkeitsanforden) ins Verhältnis gesetzt werden. Es sollten diesbezüglich alternative Formen von Freundschaft, Zusammenhalt, Solidarität, Nähe, Familie, Emotionalität und Anerkennung erarbeitet werden. Wichtig ist diesbezüglich aufzuzeigen, wie sich die Kameradschafts-Ideologie in neonazistischen Gruppen als Fiktion herausstellt. AussteigerInnen berichten immer wieder, dass es gerade keine Unterstützung und keinen Zusammenhalt in der neonazistischen Szene gibt, ganz abgesehen von der oft brutalen Gewalt untereinander (vgl. Speit 2010).
  • Die Konsequenzen neonazistischen Handelns und Denkens sollten aufgezeigt werden: vom Verlust nicht-neonazistischer Freundschaften über Knastkarrieren bis hin zu der Unsinnigkeit neonazistischer Antworten auf gesellschaftliche Probleme, die bei Verwirklichung an der eigenen Misere (Opfererfahrungen, Arbeitslosigkeit, fehlende Anerkennung, unbefriedigte Harmoniewünsche, ... ) nichts ändern würden.
  • Der Wunsch nach Überlegenheit, eine der Kernanforderungen eines männlichen Habitus, der in neonazistischen Szenen Bestätigung erfährt, kann aus dem eigentlichen Wunsch resultieren, kein Opfer mehr sein zu müssen. Viele Täter haben als Kind/Jugendlicher wie auch in der neonazistischen Szene, in der Täter zu sein und Opfer zu werden eng miteinander verwoben sind, Opfererfahrungen gemacht. Den offensichtlichen Nachteilen, nämlich mit der Ambivalenz von Überlegenheits- und Wirksamkeitsversprechen durch Männlichkeit und den eigenen realen Opfererfahrungen klarkommen zu müssen, kann geschlechterreflektiert begegnet werden, indem Opfererfahrungen und Überlegenheitswünsche wie -phantasmen in einen Zusammenhang gebracht werden. Wichtige Schritte wären alternative Formen von Interessenvertretung zu erarbeiten und Selbstermächtigungsprozesse und alternative Selbstkonzepte zu ermöglichen, die ohne Gewalt und Abwertungen anderer auskommen. Es ist auch darauf zu achten, dass bei Aussteigern nicht das Motiv der Überlegenheit fortgeschrieben wird und die Ex-Kameraden abgewertet werden, wie es des Öfteren geschieht („Die sind alle total dumm und ich habe es gepeilt, deswegen steige ich aus.“).
  • Es geht daran anschließend auch um die Konfrontation mit der Frage, was die verübten Taten für die Opfer/Betroffenen des eigenen bisherigen Handelns bedeuten. Die Arbeit an Empathiefähigkeit ist hier der Schlüssel, um zukünftig Ambivalenzen, Unterschiedlichkeiten und Differenzen zwischen Menschen aushalten und wertschätzen zu können. Die Wahrnehmung eigener Grenzen und der Grenzen anderer und die Erkundung eigener „weicher“, zuvor verleugneter Anteile ermöglicht eine Annäherung an „die Anderen“. Das Erlernen einer Perspektivübernahme hilft zudem, soziale Situationen jenseits von Kampf, Risiko, Sieg und Stärke entziffern zu können.
  • Dynamiken in reinen Jungen- wie auch gemischten Gruppen sollten bewusst wahrgenommen werden und eine Sensibilität für Hierarchiebildung, Dominanz und Unterordnung unter Jungen entwickelt werden. Die Fokussierung auf die Wortführer, die Alpha-Tiere, wie es oft in pädagogischen Settings passiert, ist überaus problematisch, da es die bereits bestehenden Hierarchien noch verstärkt und eine Männlichkeitsbestätigung an die ohnehin schon Dominanten erteilt.
  • Auf inhaltlicher Ebene ist immer gegen naturalisierende Zuschreibungen von Geschlecht und Sexualität zu argumentieren. Stark gemacht werden sollten die vielfältigen Möglichkeiten, Geschlecht, Sexualität und Männlichkeit zu leben. Ob schwul oder hetero, als Hausmann oder Familienalleinernährer, stark oder schwach, gewalttätig oder nicht – nichts davon hat in erster Linie mit Genen, Hormonen und/oder Gehirnen zu tun.
  • Es ist ebenfalls nötig, neonazistische Männlichkeitskonstruktionen mit anderen Ideologien der Ungleichwertigkeit (Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, völkischem Nationalismus, autoritäre Ordnungsvorstellungen) zusammen zu denken. Daraus folgt die Zurückweisung des Ausspielens verschiedener Herrschaftsverhältnisse, also beispielsweise Sexismus ausnahmslos bei Muslimen anzusiedeln.
  • Und wie auch sonst in der Jungenarbeit geht es darum, Gesprächsanlässe zu schaffen. Neben den bereits genannten Themen können weitere Aufhänger und Themenkomplexe in der Arbeit mit rechtsorientierten Jungen sein: Familie und Wahlverwandtschaften, Held-sein-Wollen und Gutes tun, sexualisierte Gewalt, Elite und Anerkennungsstrukturen, Kämpfer und Verteidigung, Ehre etc.

Auch bei dieser Aufzählung ist zu beherzigen, dass es besser ist, klein anzufangen als überhaupt nicht.

 

2.3 Methoden und Materialien


Viele Methoden aus der Jungenarbeit lassen sich auch in der geschlechterreflektierten Prävention gegen Neonazismus einsetzen. Viele Anregungen finden sich zudem in der Methodenbeschreibung Präventionskreuz gegen Neonazismus.

Darüber hinaus können folgende Materialien bei entsprechender pädagogischer Aufbereitung hilfreich sein:

  • Die Film-Dokumentation Männer, Helden, schwule Nazis von Rosa von Praunheim. Die Dokumentation eignet sich gut, um neonazistische Männlichkeitskonstruktionen herausarbeiten zu können. Aktive Neonazis, Aussteiger und Forschende kommen zu Wort.
  • Good Practice: HipHop-Workshop für Jungen 2008. Rappen für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.
    Im dem 4-monatigen Workshop wurde zunächst die Rapmusik, die die Jungen in ihrer Freizeit hören, gemeinsam angehört und diskutiert. Anschließend wurde sich über die Geschichte des Hiphop in Deutschland informiert und anhand von Beispielen die Vielseitigkeit des Raps aufgezeigt. Mit Unterstützung eines Rap-Trainers wurden anschließend eigene Texte gegen Neonazismus und für Demokratie geschrieben, die musikalisch unterlegt, aufgenommen und präsentiert wurden.

Als Hintergrundlektüre sind zudem folgende Bücher und Artikel besonders lesenswert: Brandt 2010, Speit 2010, Claus/Lehnert/Müller 2010, Birsl 2011a, Radvan 2012.

 

2.4 Ausdrucksweisen, Organisierungsgrad und Ideologiedichte neonazistischer Orientierung

 

Protagonist_inWeltbild und deren QuelleEinbindungFunktion/VerhaltenDiskussionsverhalten
Kader_in- geschlossenes und vollständiges neonazistisches Weltbild
- in sich (fast) widerspruchsfreie ideologische Argumentation
- langjährige Sozialisation und Karriere in neonazistischen Szenen und Strukturen
- steht im Zentrum neonazistischer Strukturen
- meist überregional, teilweise auch international vernetzt
- bewegt sich (fast) ausschließlich in neonazistischen Zusammenhängen
- Funktionär_in/Führungskraft
- Entwicklung von Strategien, Aufbau und Organisation von Strukturen
- Vernetzung
- regelmäßige_r Redner_in
- Vortragsreisende_r
- Autor_in
- Anmelder_in
- strategisch-taktisches Verhalten - geschulte Argumentation
Aktivist_in- geschlossenes neonazistisches Weltbild
- ideologisch fundierte Argumentation
- Sozialisation in neonazistischen Szenen und Strukturen
- Teilnahme an Schulungen
- ist Teil neonazistischer Strukturen
- meist überregional vernetzt
- Großteil des Lebensvollzugs in neonazistischen Szenen und Erlebniswelten
- Basis des aktionsorientierten Neonazismus
- regelmäßige aktive Teilnahme an neonazistischen Veranstaltungen
- tragende Rolle bei neonazistischen Veranstaltungen und Aktionen (Mobilisierung, Schutz, Vorbereitung von Transparenten und Propaganda)
- gewaltbereit/-tätig
- Bindeglied zu Mitlaufer_innen und Sympathisant_innen
- strategisch-taktisches Verhalten
Mitläufer_in- neonazistisch orientiertes Weltbild
- neonazistische Parolen und Ideologiefragmente, z.T. widersprüchliche Argumentation, zudem nicht auf alle Lebensbereiche angewandt
 - Konsum neonazistischer Medien und Angebote (hauptsächlich Musik, Kleidung, Internet)
- tritt hauptsächlich in kulturellen neonazistischen Erlebniswelten auf
- eingebunden in neonazistisch-orientierte Zusammenhänge oder Cliquen
- Basis der neonazistischen Erlebniswelten
- erlebnisorientierte Aktivitäten
- auch illegale/gewalttätige Aktionen
- vereinzelt Teilnahme an politischen Aktionsformen, ggf. persönlicher Kontakt zu Aktivist_innen
- äußerlich wahrnehmbare Identifikation (Lifestyle)
- Suche nach Orientierung
- eher offenes Diskussionsverhalten
Sympathisant_in- „rechts“-orientiertes Weltbild
 - vertritt Stereotype und Vorurteile, vereinzelt Slogans aus der neonazistischen Szene
 - vereinzelt Konsum neonazistischer Angebote
- hält sich in gemischten und in neonazistisch-orientierten Cliquen auf
 - vereinzelt Anbindung an neonazistische Erlebniswelten
- passiver Konsum (Musik, Chat-Rooms, etc.)
- äußerlich wahrnehmbare Identifikation (Lifestyle)
- keine Teilnahme an politischen Aktivitäten
- Offenes Diskussionsverhalten

Quelle: Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (2006): Integrierte Handlungsstrategien zur Rechtsextremismus-Prävention und -intervention bei Jugendlichen. Hintergrundwissen und Empfehlungen für Jugendarbeit, Kommunalpolitik und Verwaltung. Berlin, S 84-85. Die Tabelle findet sich auch hier.

 

Literatur


agentur für soziale perspektiven e.V. (Hrsg.) (2011): Versteckspiel – Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen. Reihe antifaschistischer Texte. Berlin/ Hamburg.

A.G. Gender-Killer (Hrsg.) (2005): Antisemitismus und Geschlecht. Münster.

Birsl, Ursula (Hrsg.) (2011a): Rechtsextremismus und Gender. Opladen.

Birsl, Ursula (2011b): Rechtsextremistisch orientierte Frauen und Männer: Persönlichkeitsprofile, Sozialisationserfahrungen und Gelegenheitsstrukturen. In: Dies. (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 171-186.

Brandt, Marc (2010): Fallbeispiele zu geschlechterreflektierenden Strategien gegen Rechtsextremismus in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist...“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin, S. 237-249.

Butterwege (2011): Linksextremismus = Rechtsextremismus? Über die Konsequenzen einer falschen Gleichsetzung. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 29-42.

Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.) (2010): „Was ein rechter Mann ist...“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin.

Decker, Oliver/Brähler, Elmar u.a./Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.) (2010/2008/2006): Die Mitte in der Krise/Bewegung in der Mitte/Ein Blick in die Mitte/Vom Rand zur Mitte. Berlin.

Gesicht Zeigen! (2010): fit gegen rechts! Materialpaket. Berlin.

Heilmann, Andreas (2010): Normalisierung und Aneignung – Modernisierung und Flexibilisierung von Männlichkeiten im Rechtsextremismus. In: Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist...“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin, S. 53-66.

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2002-2012): Deutsche Zustände. Langzeitstudie zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit 2002-2012, 10 Bände. Frankfurt/Berlin.

INEX – Initiative gegen jeden Extremismusbegriff: inex.blogsport.de.

Initiative „Eltern gegen Rechts“ in Kooperation mit dem Projekt Licht-Blicke ElternStärken, pad e.V. (2011): Die Berliner Elterninitiative. Erfahrungen einer Selbsthilfegruppe von Eltern rechtsextrem orientierter Söhne und Töchter. Berlin.

Kämper, Gabriele (2005a): Die männliche Nation. Köln.

Kämper, Gabriele (2005b): Die männliche Nation. In: Grüne Akademie in der Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Die neue rechte Herausforderung. Rechtsextremismus in Deutschland und Europa. Berlin, S. 53-58.

Küpper, Beate/Zick, Andreas (2011): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei Frauen und Männern. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 187-210.

Laumann, Vivien (2010): Rechtsextremismus und Geschlecht. Möglichkeiten und Grenzen genderreflektierender Rechtsextremismusprävention. Diplomarbeit (unveröffentlicht), Freie Universität, Berlin.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (2006): Integrierte Handlungsstrategien zur Rechtsextremismusprävention und -intervention bei Jugendlichen. Berlin.

Möller, Kurt (2010): Männlichkeitsforschung im Rahmen von Rechtsextremismusstudien. Ausgangspunkte, Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven. In: Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist...“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin, S. 25-38.

Möller, Kurt (2011): Konstruktion von Männlichkeiten in unterschiedlichen Phänomenbereichen des Rechtsextremismus. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 129-146.

Overdieck, Ulrich (2010): Der Komplex der „Rassenschande“ und seine Funktionalität für Männlichkeitskonstruktionen in rechtsextremen Diskursen. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 100-108.

Radvan, Heike (Hrsg.) (2012): Gender und Rechtsextremismusprävention. Berlin.

Rommelspacher, Birgit (2011): Frauen und Männer im Rechtsextremismus – Motive, Konzepte und Rollenverständnisse. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 43-68.

Schuhmacher, Nils (2011): „Mit den Leuten zusammen kann man wirklich schon was darstellen.“ Über verschiedene Wege in rechten Jungencliquen. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen, S. 265-180.

Schuster, Ulrich (2011): Zurück in die Zukunft. Über die politischen Ziele des Neonazismus und die Chancen ihrer Verwirklichung. In: Landesarbeitsgemeinschaft politische-kulturelle Bildung Sachsen e.V.: In guter Gesellschaft? Neonazis in Sachsen. Leipzig, S. 20-34.

Speit, Andreas (2010): „In unseren Reihen“ – gruppeninterne Gewalt im rechtsextremen Spektrum. In: Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist...“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin, S. 143-164.

Stützel, Kevin (2013): Männlich, gewaltbereit und desintegriert. Eine geschlechterreflektierende Analyse der akzeptierenden Jugendarbeit in den neuen Bundesländern. In: Radvan, Heike (Hrsg.): Gender und Rechtsextremismusprävention. Berlin.

Stuve, Olaf/Debus, Katharina (2013): Geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen als Prävention rechtsextremer Einstellungen und Handlungsmuster. In: Radvan, Heike (Hrsg.): Gender und Rechtsextremismusprävention. Berlin.

Virchow, Fabian (2010): Tapfer, stolz, opferbereit – Überlegungen zum extrem rechten Verständnis „idealer Männlichkeit“. In: Claus, Robert/Lehnert, Esther/Müller, Yves (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist …“ Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Berlin, S. 39-52.

 

Filme

Praunheim, Rosa von (2005): Männer, Helden, schwule Nazis.

 

Dank und Fußnoten

Ich danke Olaf Stuve, Bernard Könnecke, David Nax, Vivien Laumann, Ulrich Schuster und Kevin Stützel für ihre Anregungen und Anmerkungen.

1.  Der Phobiebegriff setzt ein eher passives Erleben als eine aktive Tätigkeit voraus und nimmt qua Pathologisierung eine Individualisierung eines gesellschaftlichen Strukturzusammenhangs vor. Von daher wird Heterosexismus anstelle von Homophobie und Transfeindlichkeit anstelle von Transphobie verwendet. Auch diese Begriffe haben ihre Schwächen, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden kann. ↑

2.  Einige aus unserem Team favorisieren von daher den Rechtsextremismus-Begriff, weil dieser in der Lage ist, die fließenden Übergänge zwischen „normal rechten“ und „extrem rechten“ Einstellungen zu verdeutlichen, wohingegen der Neonazismus-Begriff bei einigen Menschen suggeriert, es handele sich um eine klar abgegrenzte Gruppe Ewiggestriger, die keine (ideologischen und praktischen) Verbindungen zum Rest der Gesellschaft habe. Es kann also mit gleichen Beweggründen zur Befürwortung wie auch Ablehnung bestimmter Begriffe kommen.

3. Größere Studien in jüngster Zeit diesbezüglich sind die Bielefelder Langzeitstudie Deutsche Zustände (erschienen im Suhrkamp Verlag) und mehrere Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung um das Forscherduo Oliver Decker und Elmar Brähler.ŸŸ ↑

4.  „Volk“ wird im Neonazismus als überhistorische Blut- und Schicksalsgemeinschaft mit einem Eigenleben gedacht. Der_die Einzelne zählt nichts, die „Volksgemeinschaft“ steht über dem Individuum („Du bist nichts, dein Volk ist alles!“). Die Vorstellung, es gäbe „Völker“ mit bestimmten urwüchsigen Mentalitäten, Verhaltensweisen und Eigenschaften beschränkt sich hingegen nicht nur auf Neonazis, sondern findet sich in breiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Verkannt wird oft, dass es sich um historisch nachvollziehbare Konstruktionsprozesse handelt, die die Mythen der Natur, des Blutes und der Gene entlarven. Zudem handelt es sich um Zufälligkeiten, wer wann wo geboren wurde. „Volk“ steht von daher in Anführungszeichen, da es eine zwar wirkmächtige, aber keine unveränderbare Konstruktion ist und ein Glaubenssystem, an das man zwar glauben kann, es aber aufgrund des zwangshomogenisierenden wie ausschließenden Charakters dieses Konstrukts besser lässt. ↑

5.  Der „kleine Cohn“ ist ein antisemitisches Stereotyp, das im Deutschen Kaiserreich populär wurde. Die Ikonographie des „kleinen Cohn“ ist die Negativfolie zum „deutschen“ („arischen“) Soldaten: klein, krummbeinig, mickrig, schmächtig, krank, militäruntauglich, verweiblicht. ↑

6.  Mit „of Color“ sind Menschen gemeint, die von Rassismus negativ betroffen sind. Neonazislang wäre „Ausländer“, wobei der Begriff in vielerlei Hinsicht falsch ist, nicht zuletzt, da viele potentiell Betroffene die deutsche Staatsbürger_innenschaft besitzen. ↑

7.  Das große „I“ verwende ich, wenn ich von gemischtgeschlechtlichen Gruppen spreche, in der queere, transgender und/oder intergeschlechtliche Lebensformen nicht möglich sind bzw. waren und von daher auch nicht repräsentiert werden müssen. Bei Neonazis mit geschlossenem Weltbild gehe ich davon aus, dass geschlechtlich Uneindeutige weder sichtbar noch erwünscht waren – hier verwende ich das große I, bei allen anderen den Unterstrich _. ↑

8.  Zu empfehlen sind die Broschüren der Initiative „Eltern gegen Rechts“. ↑

9.  Zu empfehlen sind hier u.a. die Broschüre Versteckspiel von der agentur für soziale perspektiven e.V., die gleichnamige Homepage und das Plakat anziehend aus dem Materialpaket von Gesicht Zeigen! ↑

 

Quelle: Hechler, Andreas (2012): Männlichkeitskonstruktionen, Jungenarbeit und Neonazismus-Prävention. In: Dissens e.V. & Debus, Katharina / Könnecke, Bernard / Schwerma, Klaus / Stuve, Olaf (Hg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungenarbeit, Geschlecht und Bildung. Berlin: Eigendruck, S. 73-91.

 

Zuletzt aktualisiert am 01.11.2017